28. August 2026
ZRH Community: Hoffnung als Treibstoff für Innovation
Wie bleiben Unternehmen handlungsfähig, wenn die Zukunft immer weniger planbar erscheint? Prof. Dr. Andreas Krafft von der Universität St. Gallen zeigte in seiner Keynote, weshalb Hoffnung dabei eine wichtige Rolle spielt. Gemeinsam mit Coralie Klaus Boecker vom ZRH Innovation Hub und Christian Sutter von Climeworks übersetzte er diese Erkenntnisse anschliessend in die Unternehmenspraxis. Moderiert wurde die Paneldiskussion von Lukas Herzog, verantwortlich für die Businessevents der ZRH Community im Circle.
Die Zukunft beginnt im Kopf
«Die Zukunft gibt es nicht und wird es auch nie geben.» Mit dieser überraschenden Aussage eröffnete Krafft seine Keynote. Zukunft sei immer eine Vorstellung davon, was kommen könnte. Wie wir über sie denken, beeinflusse deshalb unsere Entscheidungen in der Gegenwart.
Krafft unterscheidet zwei Perspektiven: Entweder wir erleben wir die Zukunft als etwas, das auf uns zukommt. Oder wir begreifen uns als Menschen, die aktiv in die Zukunft gehen. Wer die Zukunft primär als Bedrohung wahrnimmt, sucht Schutz und Sicherheit. Wer sich hingegen auf den Weg macht, öffnet den Blick für Möglichkeiten.
87 Prozent der Befragten in der Schweiz halten gemäss Kraffts Forschung ein Krisenszenario für die kommenden 20 Jahre für wahrscheinlich. Gleichzeitig wünschen sich 79 Prozent eine grünere und harmonischere Gesellschaft, in der Zusammenarbeit und Gemeinschaft stärker gewichtet werden. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie wird aus einer gewünschten Zukunft eine Zukunft, an deren Realisierung Menschen tatsächlich glauben und daran arbeiten?
Hoffnung ist nicht Optimismus
Für Krafft beginnt die Antwort mit einer wichtigen Unterscheidung. «Optimismus sagt: Macht euch keine Sorgen, es wird alles gut. Hoffnung sagt: Ich weiss nicht, wie es wird, aber wir können etwas tun, um es zu verbessern.»
Gerade das macht Hoffnung für Unternehmen interessant. Denn Innovation bedeutet fast immer, in etwas zu investieren, dessen Ausgang nicht feststeht. Angst und Hoffnung sind dabei zwei Reaktionen auf dieselbe Unsicherheit: Angst verengt den Blick auf Gefahren, Hoffnung öffnet ihn für neue Möglichkeiten.
«Hoffnung ist die Voraussetzung dafür, dass wir überhaupt etwas tun», so Krafft. Dafür brauche es einen Wunsch für die Zukunft, den Glauben daran, dass dieser grundsätzlich erreichbar ist, und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und jene anderer Menschen.
Innovation braucht einen langen Atem
In der anschliessenden Paneldiskussion mit Coralie Klaus Boecker, Head ZRH Innovation Hub der Flughafen Zürich AG, und Christian Sutter, Head of Strategic Partnerships Switzerland bei Climeworks, wurde deutlich, wie unmittelbar diese Haltung mit Innovation zusammenhängt.
Klaus Boeckers Team testet neue Technologien und Anwendungen am Flughafen Zürich – ohne Garantie auf Erfolg. «Bei etlichen Dingen, die wir angehen, wissen wir anfangs gar nicht, ob diese funktionieren werden.»
Hypothesen müssten deshalb mit Pilotprojekten in der Realität überprüft werden. Dafür brauche es neben einer strukturierten Vorgehensweise auch Zuversicht und Mut.
Krafft ergänzte einen weiteren Faktor: Ausdauer. Innovation sei fast zwangsläufig mit Rückschlägen und Hindernissen verbunden. Entscheidend sei deshalb nicht nur der Mut zum Start, sondern die Fähigkeit, dranzubleiben.
Auch Hoffnung braucht einen Business Case
Wie das unternehmerisch funktioniert, zeigte Sutter am Beispiel von Climeworks. Das Unternehmen entwickelt Technologien, um CO₂ dauerhaft aus der Atmosphäre zu entfernen. Dass auch eine heute noch junge Technologie massiv skalieren kann, zeigt für ihn die Solarindustrie. «Das ist ein Weg, wie man Hoffnung gewinnen kann: wenn man sieht, andere haben es auch geschafft.»
Doch Hoffnung allein überzeugt kein Unternehmen. «Wenn du den Business Case nicht hast, dann ist es sehr schwierig, etwas umzusetzen», betonte Sutter. Dabei müsse dieser breiter gedacht werden als der klassische «Return on Investment». Auch Marktpositionierung, Mitarbeitende, regulatorische Entwicklungen und die Vorbereitung auf künftige Märkte könnten frühe Investitionen rechtfertigen.
Scheitern gehört zum Fortschritt
Wie wenig Innovation mit Erfolg im ersten Anlauf zu tun hat, machte Sutter an einem weiteren Beispiel deutlich. Bei Climeworks führe nur ein kleiner Teil der Experimente in der Materialentwicklung zum gewünschten Ergebnis.
«Jeden Tag gelingen uns Dinge nicht», sagte Sutter. Entscheidend seien jene wenigen Experimente, die funktionieren und die Technologie weiterbringen. «Die Hoffnung, dass diese zwei Prozent uns weiterbringen, ist das, was unsere Mitarbeitenden antreibt.»
Auch am Flughafen werden neue Anwendungen deshalb getestet und gemeinsam mit den betroffenen Mitarbeitenden weiterentwickelt. Innovation entsteht nicht allein durch Technologie, sondern durch Menschen, die bereit sind, sie mitzutragen, so Klaus Boecker. Oder wie Krafft es formulierte: «Innovationen entstehen vor allem dann, wenn wir Menschen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven zusammenbringen.»
Führung muss Möglichkeitsräume schaffen
Was bedeutet das für Führungskräfte? Klaus Boecker plädierte dafür, sich systematisch mit unterschiedlichen Zukunftsszenarien auseinanderzusetzen. Strategic Foresight – also die Auseinandersetzung mit der Zukunft – helfe Unternehmen, sich vom linearen Denken zu lösen und nicht davon auszugehen, dass das, was heute funktioniert, auch morgen Bestand haben wird.
Krafft setzte an einem noch einfacheren Punkt an: «Einfach zuhören.» Führung müsse Ideen, aber auch wahrgenommene Probleme und Hindernisse der Mitarbeitenden ernst nehmen und Rückendeckung geben. Wer Innovation fordert, muss also ein Umfeld schaffen, in dem Menschen ausprobieren dürfen und Unterstützung erfahren, wenn nicht alles auf Anhieb funktioniert.
Nicht auf die Zukunft warten
Sutter richtete den Blick zum Abschluss auf die grossen Veränderungen, vor denen Unternehmen stehen. Dekarbonisierung und technologische Transformation werden bestehende Märkte verändern und neue entstehen lassen. Seine strategische Frage: «Wie kann ich in meinem Kontext mehr auf der Seite sein, die von Transformation profitiert?» Wer sich diese Frage stelle, beginne Chancen zu erkennen.
Moderator Lukas Herzog wollte zum Abschluss von den Referierenden wissen, was die Teilnehmenden bereits am nächsten Morgen in ihrem Team oder Unternehmen tun können. Klaus Boecker empfahl, dem eigenen Team eine konkrete Challenge zu geben und gemeinsam eine Lösung auszuprobieren – Learning by Doing statt Innovation auf dem Papier. Krafft setzte auf Zuhören und Rückendeckung. Sutter fasste seinen Tipp in zwei Worten zusammen: «Einfach machen.»
Der Abend zeigte: Hoffnung ist kein Ersatz für Strategie, Daten oder einen Business Case. Sie schafft die Voraussetzung, diese Instrumente auf eine Zukunft auszurichten, die noch nicht sicher ist. Zukunft entsteht nicht, indem Unternehmen darauf warten, was auf sie zukommt, sondern indem Menschen wissen, wo sie hinwollen – und sich gemeinsam auf den Weg machen.
Beim anschliessenden Networking-Apéro wurden die Gedanken aus Keynote und Panel angeregt weiterdiskutiert. Ein Zeichen dafür, dass die Frage, wie Unternehmen in unsicheren Zeiten Zukunft aktiv gestalten können, viele der Teilnehmenden über den Abend hinaus beschäftigt.
Alle Infos zu den weiteren Businessevents der ZRH Community: Events 2026